Die Sichel reflektiert
das fahle Mondlicht. Es ist der sechste Tag im Mondzyklus, irgendwo in
Gallien kurz vor dem Jahre Null. Mistelerntezeit. Eichen ragen düster
in den Nachthimmel. Dazwischen Männer in weißen Roben: Druiden.
Ihr Anführer streckt die Sichel empor. Sie schnellt im Halbkreis herab,
Misteln fallen vom Eichenzweig. Das Ernteritual ist beendet, das Stieropfer
kann zelebriert werden.
Mittwochabend in Essen-Rüttenscheid,
gut zweitausend Jahre später.
Vereinsabend der Druidenloge
„Schwarzer Diamant". Die Hofeinfahrt liegt gegenüber vom „Plus“-Supermarkt,
an ihrer Seite prangt das Logensymbol: Ein siebenstrahliger schwarzer Stern.
In der Durchfahrt strahlen die hellen Scheinwerfer. Auf dem Hof steht ein
zweigeschossiges Haus - das Logenheim.
Ein älterer Herr öffnet
die Tür. Grauer Anzug. Brille. Vom Typ her eher Geschäftsführer
denn Druide. Er begrüßt den unbekannten Gast des Logenabends
freundlich.
Seit mehr als 200 Jahren
gibt es die neuzeitlichen Druiden. Der „Vereinigte Alte Orden der Druiden“
wurde 1781 in London gegründet. Anders als ihre keltischen Vorbilder
in der Antike sind die Ordensbrüder nicht Anhänger einer Religion.
Sie fühlen vielmehr den Idealen Humanität, Wohltätigkeit
und Toleranz verpflichtet. Wie die Freimaurer sind sie in Logen organisiert.
In der Bundesrepublik gibt es sie an etwa siebzig Orten. An den wöchentlichen
Logenabenden hören die Mitglieder Vorträge und diskutieren. Das
jahrhunderte alte Ritual der „Innenloge“ steht allerdings nur den Vollmitgliedern
offen - die Anwärter müssen außerhalb des Zeremonienraums
warten.
Es ist halb Acht. Der Clubraum
im Keller des Logenheims füllt sich. Die eintreffenden Brüder,
alle im Anzug, die meisten mit ergrautem Haar, grüßen einander
mit Vornamen. Zur hiesigen Loge gehören 33 Druiden: Schreiner, Vorstandsvorsitzende,
Polizisten, Anwälte. Ihr Durchschnittsalter: 55 Jahre. Einige lehnen
an der getäfelten Bar, plaudern über Aktienkurse. Unter ihnen:
Gianni Sarto. Er hat langes, lockiges Haar, trägt eine graue Seidenkrawatte
und dezenten Nadelstreifen. Der 40jährige ist Künstler. Er entwirft
Kimonos. Zur Loge kam er vor fünf Jahren, nachdem ein Geschäftsfreund
ihn eingeladen hatte. Ein halbes Jahr war er Anwärter, dann stimmte
die Loge seiner Aufnahme zu. Seitdem kommt Sarto zu fast jedem Logenabend.
„Hier kann man sich austauschen, ohne durch gesellschaftliche Hierarchien
eingeschränkt zu werden“, berichtet er.
Weiter hinten im Clubraum
ist ein Kamin, daneben steht ein siebenarmiger Kerzenleuchter. In einem
der weinroten Ledersessel versinkt Heinz Vogel. Kurze, graue Haare, Stoppelbart,
Sakko. Druide ist der Wohnungsmakler seit fünf Jahren. „Ich suchte
interessante Gespräche in gepflegter Amosphäre. Statt des üblichen
Kneipengeklatsches“, sagt der 45jährige. Über eine Annonce wurde
er auf die Loge aufmerksam, kam als Gast - und wurde nach einem halben
Jahr Bruder.
Mittlerweile ist es kurz
vor Acht. Etwa 20 Druiden sind versammelt, gleich beginnt die Zeremonie
der Innenloge. In einem fensterlosen Raum im hintersten Teil des Kellers.
In der Mitte des Raumes steht ein Druidenstein aus Granit. Darauf liegen
Misteln, Kohle und eine Sichel. Dahinter befinden sich sieben Kerzen auf
einem
Holzpult mit den Buchstaben EFE - Einigkeit, Frieden, Eintracht. An den
Kopfenden des Raumes stehen Sitze für Edelerz (den Vorsitzenden),
Untererz und die übrigen höheren Druiden. Darauf liegen weiße
Roben für die Zeremonie.
Was hier drin gleich passiere,
sei nichts „religiöses oder ersatz-religiöses", sondern „ein
Ritual, das Form und Tiefe verleiht“, betont Edelerz Rolf Oesterheld. Man
dürfe von Druidentum und Vertraulichkeit nicht auf Okkultismus schließen:
„Die historischen Druiden waren für die Ordensgründer als Friedensstifter
und Weise Leitbilder." Aber: „Zur Gründungszeit war es lebensgefährlich,
seine Meinung offen zu sagen". Auch heute abend bleibt während der
Zeremonie die Türe fest verschlossen. Der Gast darf nicht mit in den
Raum.
Auch Dirk Schröder muß
draußen bleiben. Seit einem Jahr kommt er schon als Anwärter.
Heute wird über seine Aufnahme entschieden. Der Unternehmer freut
sich auf „Gespräche jenseits von Bier und Fußball und einen
Kreis, der nicht auf Oberflächliches achtet". Ein Verwandter hatte
ihn zum Logenabend eingeladen. Seine Brüder in spe findet er schon
etwas verschworen, aber: „Die haben alle etwas aus ihrem Leben gemacht.“
Nach einer halben Stunde
öffnet sich die Tür. Die Brüder entschwinden in Richtung
Außenloge ins Erdgeschoß. Dort leuchten Monde, siebenstrahlige
Sterne und Sicheln von den Wänden herab. Weiße Roben trägt
keiner mehr. Und statt der Mistelernte steht ein Vortrag auf dem Programm,
wie an jedem Logenabend. Diesmal über Cholesterin.
Dirk Schröder strahlt.
Die Brüder werden ihn aufnehmen. Vielleicht geht es für ihn bald
los mit dem Mistelernten. Wer weiß das schon - außer den Eingeweihten.