Presse
vom 27.September 2003
Andere Wahrnehmung von Zeit 
Essen-Rüttenscheid, 2003. Gutsituierte Mittfünfziger im Anzug parken ihr Auto am Rande einer Geschäftsstraße. Niemand hat eine goldene Sichel dabei, keiner trägt einen flatternden Bart. Druiden der Neuzeit stellt man sich doch irgendwie anders vor. Galten sie doch zu Lebzeiten der Kelten als geistige Führungsschicht. 

Es ist ein ganz gewöhnlicher Mittwochabend im Ruhrgebiet. Der Männerbund trifft sich in einem kleinen, efeubewachsenen Haus. "Loge Schwarzer Diamant" steht auf dem Schild neben der Klingel. 
Treppe runter - da stehen sie, die Druiden. Mit Krawatte und korrektem Hemdkragen. Begrüßung per Handschlag: "Guten Tag, Werner." "Guten Abend, Heinz." Einige Herren nehmen auf den Ledersofas Platz, halten ein Gläschen Bier in der einen Hand, die Feierabend-Zigarre in der anderen. 

Knapp 40 Männer versammeln sich immer mittwochs im Clubhaus, alle um die 50 Jahre, gehobener Mittelschicht. 40 Männer, die in stilvoller Umgebung zusammensitzen, um zu diskutieren, ihr Wissen zu erweitern. Unter ihnen ist auch der Unternehmer Hagen Koj (64), der seit einem halben Jahr als Gast herkommt - über seine Aufnahme ist noch nicht entschieden worden. "Am Stammtisch zu sitzen, ist zwar okay, aber ich möchte mehr - etwas Tiefgründiges." 

Männerbund tut Weisheit kund, aber traditionell hinter verschlossener Tür. Heute gibt es in Deutschland über 60 Druiden-Logen. Als 1781 in London der "Vereinigte Alte Orden der Druiden" gegründet wurde, herrschte vielerorts Krieg und Aufruhr. Wer Freund und Feind war, vermochte keiner zu sagen. "Damals war es sehr gefährlich, eine eigene Meinung zu haben", berichtet "Edelerz" Rüdiger Hagen (53) - der oberste Druide. Daher habe man die Loge gegründet - einen Kreis, in dem man unter sich war. 

Und so kennen das überlieferte Ritual der Innenloge bis heute nur die Mitglieder - Nichteingeweihte und Anwärter wie Hagen Koj bleiben im Clubsessel sitzen. Und da wartet der stille Mittsechziger, als es auf acht Uhr zugeht. Schaut den Brüdern nach, wie sie sich bunte Schals um den Hals legen und in der Innenloge verschwinden. Dort beginnt die Zeremonie. Eine Momentaufnahme: Am hinteren Ende des Kellerraumes klebt eine Fototapete, auf der ein Herbstwald Laub verliert. Direkt davor steht ein Granitstein. Kohle, Sichel und Mistelzweig liegen obenauf - Symbole, die an historische Wurzeln erinnern. Die Druiden fühlen sich humanistischen Idealen verpflichtet, pflegen Werte wie Solidarität, Wohltätigkeit, Gerechtigkeit. Sieben Kerzen flackern. Man hört ein paar Fetzen meditative Musik - klack, die Tür fällt zu. 

Nach einer halben Stunde kommen die Brüder wieder. Entspannt, eins mit sich und der Welt, zufrieden. "Mit Okkultismus hat das Ritual aber nichts zu tun", versichert Druide Rolf Oesterheld (63). Philosophische, ethische und literarische Vorträge höre man sich an. "In der Innenloge hat man eine andere Wahrnehmung von Zeit. Da wendet man sich vom Alltag ab - es hat etwas Besinnliches", beschreibt Künstler Gianni Sarto (44) das Ritual, das ihn allwöchentlich dazu bringt, sich in einen Anzug zu zwängen. Aber das nehme er gern in Kauf. "So zollen wir uns Respekt", meint er. 

Anschließend nehmen die Druiden in einem Raum im Erdgeschoss Platz - in der Außenloge, die für Gäste offen ist. Dort spricht man über Sachliches, über Führungsqualitäten in Chefetagen. Die Zeiten, in denen Druiden mit ihrer Sichel Mistelzweige abschnitten und Stiere opferten - nun, die sind lange vorbei. Geopfert wird bei den Druiden des Mikrochip-Zeitalters höchstens lässige Kleidung. Und vielleicht noch etwas Freizeit. 

Cordula Baldauf 
25.09.2003