Essen-Rüttenscheid,
2003. Gutsituierte Mittfünfziger im Anzug parken ihr Auto am Rande
einer Geschäftsstraße. Niemand hat eine goldene Sichel dabei,
keiner trägt einen flatternden Bart. Druiden der Neuzeit stellt man
sich doch irgendwie anders vor. Galten sie doch zu Lebzeiten der Kelten
als geistige Führungsschicht.
Es ist ein ganz gewöhnlicher
Mittwochabend im Ruhrgebiet. Der Männerbund trifft sich in einem kleinen,
efeubewachsenen Haus. "Loge Schwarzer Diamant" steht auf dem Schild neben
der Klingel.
Treppe runter - da stehen
sie, die Druiden. Mit Krawatte und korrektem Hemdkragen. Begrüßung
per Handschlag: "Guten Tag, Werner." "Guten Abend, Heinz." Einige Herren
nehmen auf den Ledersofas Platz, halten ein Gläschen Bier in der einen
Hand, die Feierabend-Zigarre in der anderen.
Knapp 40 Männer versammeln
sich immer mittwochs im Clubhaus, alle um die 50 Jahre, gehobener Mittelschicht.
40 Männer, die in stilvoller Umgebung zusammensitzen, um zu diskutieren,
ihr Wissen zu erweitern. Unter ihnen ist auch der Unternehmer Hagen Koj
(64), der seit einem halben Jahr als Gast herkommt - über seine Aufnahme
ist noch nicht entschieden worden. "Am Stammtisch zu sitzen, ist zwar okay,
aber ich möchte mehr - etwas Tiefgründiges."
Männerbund tut Weisheit
kund, aber traditionell hinter verschlossener Tür. Heute gibt es in
Deutschland über 60 Druiden-Logen. Als 1781 in London der "Vereinigte
Alte Orden der Druiden" gegründet wurde, herrschte vielerorts Krieg
und Aufruhr. Wer Freund und Feind war, vermochte keiner zu sagen. "Damals
war es sehr gefährlich, eine eigene Meinung zu haben", berichtet "Edelerz"
Rüdiger Hagen (53) - der oberste Druide. Daher habe man die Loge gegründet
- einen Kreis, in dem man unter sich war.
Und so kennen das überlieferte
Ritual der Innenloge bis heute nur die Mitglieder - Nichteingeweihte und
Anwärter wie Hagen Koj bleiben im Clubsessel sitzen. Und da wartet
der stille Mittsechziger, als es auf acht Uhr zugeht. Schaut den Brüdern
nach, wie sie sich bunte Schals um den Hals legen und in der Innenloge
verschwinden. Dort beginnt die Zeremonie. Eine Momentaufnahme: Am hinteren
Ende des Kellerraumes klebt eine Fototapete, auf der ein Herbstwald Laub
verliert. Direkt davor steht ein Granitstein. Kohle, Sichel und Mistelzweig
liegen obenauf - Symbole, die an historische Wurzeln erinnern. Die Druiden
fühlen sich humanistischen Idealen verpflichtet, pflegen Werte wie
Solidarität, Wohltätigkeit, Gerechtigkeit. Sieben Kerzen flackern.
Man hört ein paar Fetzen meditative Musik - klack, die Tür fällt
zu.
Nach
einer halben Stunde kommen die Brüder wieder. Entspannt, eins mit
sich und der Welt, zufrieden. "Mit Okkultismus hat das Ritual aber nichts
zu tun", versichert Druide Rolf Oesterheld (63). Philosophische, ethische
und literarische Vorträge höre man sich an. "In der Innenloge
hat man eine andere Wahrnehmung von Zeit. Da wendet man sich vom Alltag
ab - es hat etwas Besinnliches", beschreibt Künstler Gianni Sarto
(44) das Ritual, das ihn allwöchentlich dazu bringt, sich in einen
Anzug zu zwängen. Aber das nehme er gern in Kauf. "So zollen wir uns
Respekt", meint er.
Anschließend nehmen
die Druiden in einem Raum im Erdgeschoss Platz - in der Außenloge,
die für Gäste offen ist. Dort spricht man über Sachliches,
über Führungsqualitäten in Chefetagen. Die Zeiten, in denen
Druiden mit ihrer Sichel Mistelzweige abschnitten und Stiere opferten -
nun, die sind lange vorbei. Geopfert wird bei den Druiden des Mikrochip-Zeitalters
höchstens lässige Kleidung. Und vielleicht noch etwas Freizeit.
Cordula Baldauf
25.09.2003